Eine Zeitreise in eine ganz eigene Welt

Initiative „Hände in Ravensburg“ startet an 50 Orten der Innenstadt

Ravensburg – Drei Großfotos mit Text weisen am Eingang zur VR-Bank in der Georgstraße auf die am Donnerstag dort eröffnete Ausstellung „Hände in Ravensburg“ hin. Im eigentlichen Sinn ist es keine Ausstellung, sondern eine Präsentation von 50 Handwerksbetrieben, Dienstleistern und Fachgeschäften in der Innenstadt – vom Bäcker zum Bauernmarkt, vom Schuster, Friseur und Masseur bis zur Modistin, zum Malermeister oder zum Musikgeschäft -, die sich noch persönlich um ihre Kunden kümmern, sie behandeln, beraten oder bedienen. Für Stadtmarketing und Wirtschaftsforum ein lohnendes Projekt, das sowohl Arnold Miller, Vorstandsmitglied der VR-Bank, als auch Andreas Senghas, Vertreter der städtischen Wirtschaftsförderung, begrüßten.

Einzelhändler und Handwerksbetriebe – ein aussterbendes Modell in Zeiten von Baumärkten und Discountern am Stadtrand? Dagegen verwahrte sich Initiator Wolfram Frommlet, selbst Ravensburger und dort aufgewachsen, in seiner längeren Betrachtung über die globalen Missstände entfremdeter Arbeit, von Ausbeutung der Menschen als Billig- und Tagelöhner und politischer Verantwortungslosigkeit in Bezug auf Ökonomie und Ökologie unseres Planeten. Hier, in der Mittelstadt Ravensburg, sei die Welt von früher noch wiederzuerkennen.

In unzähligen Gesprächen mit den 60 Teilnehmern des Projekts, deren O-Ton er im Falle des Schreinermeisters und Maskenschnitzers Jogi Weiß auch selbst auf gut Schwäbisch wiedergab, konnte Frommlet zusammen mit dem Fotografen Veith Hämmerle noch sehr viel mehr erfahren, als die Fotos zeigen. In den jeweils am Ort präsentierten Texten spiegeln sich, zum Teil in direkter Rede, das Denken und die Lebenswelt der befragten Menschen. Auch die zum Teil historischen Interieurs mancher Werkstätten oder Geschäfte in insgesamt 16 Straßen der Innenstadt zwischen Untertor, Mehlsack, Grünem und Bemaltem Turm seien oft eine Zeitreise oder ein Blick in eine ganz eigene Welt verschiedenartigster Sinneseindrücke gewesen. In jedem Fall eröffnet dieses Projekt einen Blick auf die Bedeutung der Arbeit- und die ist, aller Technisierung oder Roboterisierung zum Trotz – immer noch viel Handarbeit.

Interessant auch die anschließenden Erläuterungen des Fotografen Veith Hämmerle: die Entscheidung für die Schwarz-Weiß-Fotografie ermöglichte eine größere Konzentration auf die insgesamt 85 arbeitenden Händepaare, von denen die Farbe eher abgelenkt hätte; auch die Lichtsituation in den zum Teil dunkeln Werkstätten förderte oft die Fokussierung auf ein Detail oder einen Moment. Alle Beteiligten seien sofort damit einverstanden gewesen, dass ihre Hände fotografiert würden, aber nicht die Person. So sind hervorragende Tätigkeitsporträts entstanden, die – abgesehen von der Individualität jeder Hand – eindrückliche Aussagen treffen: über die Präzision der Arbeit, die Geschicklichkeit, die Schnelligkeit, die spezifische Technik, die Anspannung, den Kräfteverbrauch und den körperlichen Verschleiß.

Vom 17. August bis zum 4. Oktober an 50 Orten in 16 Straßen der Innenstadt, Flyer mit Karte online unter www.ravensburg.de und www.wifo-ravensburg.de

Schwäbische Zeitung, von Dorothee L. Schaefer, 19. August 2017